Ruhegebet

Die Einübung in das Ruhegebet richtet sich sowohl an alle mit dieser Meditation vertrauten Personen, als auch an interessierte Menschen, die den Wunsch tragen, den Weg dieser urchristlichen geistigen Gebetsweise kennenzulernen und ggf. zu vertiefen.
Dieser Weg verlangt weder eine Leistung noch fordert er bestimmte religiöse Verhaltensweisen. Er erschließt eine tiefere Dimension des Lebens, die trägt, Hoffnung gibt und Bereicherung schenkt.
Die Übung des gemeinsamen Sitzens in der Stille nach bewährten Regeln ermöglicht eine größere Spürfähigkeit für Ganzheit und Heil. Es vollzieht sich ein geheimnisvoller Dialog zwischen Gott und dem Menschen, wobei der Mensch zum Empfangenden wird.
Die Bereitschaft vom Beginn bis Ende dieser Meditationszeit anwesend zu sein, wird vorausgesetzt, ebenso die Fähigkeit, diese Zeit im Schweigen zu verbringen.

Geschichte und Tradition des Ruhegebetes

Einübung in das Ruhegebet

Gemeinsames Sitzen in der Stille
Montags, alle 4 Wochen, in der Krypta, 19.30 Uhr
St. Augustinus, Lohstrasse 8 (Südeingang), Hameln
Zwei Meditationseinheiten von je ca. 20 Minuten –Bibeltexte
Gehen der „achtsamen Schritte“ - Impulse

Bequeme Kleidung, wärmende Socken und ggf eine leichte Decke werden empfohlen.   Neue Teilnehmer, die den kontemplativen Weg des Ruhegebets kennenlernen und sich ggf. einweisen lassen möchten, sind herzlich eingeladen!

Bitte um vorherige Anmeldung bei Barbara Dietrich-Bier, Tel.: 05159- 1259.

Johannes Cassian, der Mönchsvater (360 – 435), brachte den Hesychasmus (griech. „Hesychia“ = Äußere und innere Ruhe), aus dem sich später das Herzens- oder Jesusgebet entwickelt hat, als christliches Gebet ins Abendland. Diese frühe mönchische Spiritualität hat als eine Quelle christlichen Lebens ihre Bedeutung und Aktualität bis heute nicht verloren. Unsere christliche Gegenwart ist von tiefer Sehnsucht nach Verankerung im Glauben und Gotteserfahrung erfüllt und sucht nach alten christlichen Quellen mit überzeugenden und leicht gangbaren Wegen. Cassian war über sechzig Jahre alt, als er die dreißig Jahre zuvor mit verschiedenen Mönchsvätern in der ägyptischen Wüste geführten Gespräche in einer Schrift zusammenfasste die er „24 Unterredungen mit den Vätern“ (Collationes) nannte. Es ist verständlich, dass die Frucht seines zum Gebet gewordenen Lebens in die Verarbeitung der Texte einfloss. Seine eigene Lebens- und Gebetserfahrung mit dem Ruhegebet und die damit verbundene große Weite seines Bewusstseins ergänzten ganz selbstverständlich die früheren Gebetsanweisungen seiner Lehrer, zu denen vor allem Evagrius Pontikus (345 – 399) gehörte.  

Das tiefste Anliegen Cassians ist es, dass der Betende in allem und durch alles in seinem Leben eine Begegnung mit dem Schöpfer erfährt, dem Urgrund allen Seins, mit Gott, der die Liebe ist. Wie Cassian in seiner Zeit durch seine gelebte Spiritualität und seine  Werke, die Wissen und Erfahrung verbinden, für viele ein großer Anstoß war, so dürfte auch heute sein Ruhegebet eine Herausforderung sein, aus der Grauzone, der Routine des Alltags und der Mittelmäßigkeit des Glaubens herauszutreten, um Entgrenzung zu erfahren. Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche in Russland und der Tradition auf dem Berg Athos, wo bis heute das Hesychastische Gebet bzw. Ruhegebet in voller Blüte steht, geriet es im Westen durch eine zunehmende „Verkopfung“ in Vergessenheit. Hinzu kommt, dass die christliche Theologie sich bewusst zeitweilig von Gebetsweisen absetzte, die ihre Parallelen im Sufismus, der mystischen Ausrichtung im Islam und im Hinduismus haben. Aus diesen Gründen wurde die Praxis des Ruhegebetes von der abendländischen, westlichen Welt mehr und mehr zurückgedrängt, während sie in der Ostkirche immer lebendig geblieben ist. 

Cassians prägender Einfluss ist nicht nur bei Benedikt von Nursia spürbar, sondern auch bei bedeutenden Ordensstiftern und Theologen der späteren Zeit. Am cassianischen Gedankengut – vornehmlich auch an der von ihm gelehrten Gebetsweise – haben sich orientiert: Dionysius Areopagita, Cassiodorus, Papst Gregor der Große, Johannes Klimakus, Dominikus. Selbst Thomas von Aquin, der eine einzigartige Schlüsselposition in der abendländischen Theologie einnimmt, wertete Cassian als Autorität und zitiert ihn häufig in seiner „Summa Theologica“. Auch war der Dominikaner Heinrich Seuse in besonderer Weise von Johannes Cassian angetan. Bei den Autoren der „Devotio moderna“ wie Geert Groote, Thomas von Kempen und Jan von Ruusbroec ist der Einfluss spürbar. Auch Ignatius von Loyola hatte eine enge Beziehung zu Cassian, ebenso Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Franz von Sales. Der Einfluss des cassianischen Ruhegebetes auf die Gebetsweise der Mönche vom Berg Athos ist unverkennbar. Er wird weiterhin sichtbar in den Lehren und Werken der russischen Starzen und geht über zur „Philokalie“ und zum „Russischen Pilger“.

 Peter Dyckhoff, Einübung in das Ruhegebet, München 2006

Das Ruhegebet

Im Sinne von Cassian bedeutet Beten alles aufgeben: Gedanken, Gottesbilder, Vorstellungen, den eigenen Willen… Evagrius Pontikus lehrte Cassian das Ruhegebet, ein rein geistliches Gebet, frei aller Bildlichkeit. Gott darf nicht irgendwie vorgestellt oder vor Augen geführt werden. Es geht um ein völlig bildloses Anschauen – „mit dem reinen Blick der Seele“. Ein einziger kurzer Satz wird als Mittel benutzt, die nötige Stille zu erlangen. Die Fülle der Gedanken wird durch die strenge Armut eines einzigen Verses mehr und mehr reduziert. Dieser Prozess tiefer Ruhe für Körper, Geist und Seele reinigt das Nervensystem und die Psyche. Er führt somit letztlich zur Reinheit des Herzens. Durch die Übung des Ruhegebetes wird die Reinheit des Herzens zu einem andauernden Zustand, der einen entscheidenen Wendepunkt auf dem spirituellen Weg des Christen darstellt. Das Ruhegebet vermittelt intuitive Erkenntnis der Einfachheit und führt letztlich zu einem erfahrungsmäßigen Wissen um Gott. Das Ruhegebet offenbart schrittweise das Geheimnis der Entgrenzung auf Gott hin. „Was in der Tat kann vollkommener oder höher sein, als die Bewusstwerdung Gottes in einem so kurzen Gebet zu erreichen und sogar durch das Dahinströmenlassen eines einzigen Verses, alle sichtbare Begrenztheit zu überschreiten und gleichsam alle Gebetszustände in kurzen Worten zusammenzufassen?"

In Ruhe etwas annehmen, das nicht geleistet werden muss, ist die erste grundlegende und einschneidende Erfahrung mit dem Ruhegebet. Voraussetzung dazu ist, einen Zugang nach innen zu finden und Ballast zu entfernen, der den Weg versperrt. Hinzu kommt, im Gebet der Hinabe das eigene Wollen zurückzunehmen. 

Durch regelmäßiges Praktizieren dieses Gebetes wird ein ungutes Zuviel abgebaut: 

Überheblichkeit schwindet, Erfolgserlebnisse werden richtig eingeordnet, Ausgelassen-heit kennt ihre Grenzen und Einbildung löst sich auf. Das Ruhegebet bezeugt, dass der Betende einen glücklichen Zustand ohne Gottes Hilfe nicht bewahren kann. Durch eine einfache Gebetsformel, die man zunächst in sich aufnehmen und mehr und mehr dem Geist zu Eigen machen sollte, kommt so der Betende in die wiederholende Anrufung Gottes. Da sie sehr einfach und kurz sein sollte, wird man sich nicht lange damit aufhalten, ihren Inhalt zu erfassen oder zu erwägen. Ohne das Hinzutun eigener Gedanken wird dann dieses Gebet ganz sanft innerlich wiederholt. Durch das unangestrengte innerliche Sprechen des Ruhegebetes, das langsam zu einem Gebet des Herzens wird, nimmt von selbst die vielfältige Gedankenaktivität ab. Der Betende spürt gleich schon zu Anfang, wie sich in ihm – sei es körperlich oder psychisch – aufgestaute Spannungen lösen. Mit dem kleinen Gebetsvers übt der Betende sich voll und ganz in die Hingabe an seinen Schöpfer ein. Durch sein eigenes Schweigen vor Gott wird er zum Hörenden des heiligen Wortes. Aus diesem kurzen Gebet spricht die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, der demütig, wach und in Ehrfurcht Gott anruft. Der Betende drückt damit sein Vertrauen und seine Zuversicht, ja, seine Zuneigung und Liebe zu Gott aus. Allen, die sich allein oder sinnentleert vorkommen, die sich zurückgesetzt fühlen, an der Liebe und Heilszuwendung Gottes zweifeln, unter einem Druck stehen, unter Depressionen leiden oder in ihrem Leben Angst haben, wird ein sicheres Gefühl von Angenommensein geschenkt. Der Weg zu Gott wird geöffnet, indem Schwierigkeiten beseitigt und Hindernisse abgebaut werden. Dem Betenden wird schon nach einer kurzen Zeit der Übung bewusst, dass der Schöpfer mit seinem Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist stets gegenwärtig ist und ihn auf all seinen Wegen begleitet. In seinen Schriften spricht Cassian einfühlend in seinen Unterweisungen: „Wiege diesen Vers in deinem Herzen, dann wird er dir zum segensreichen Gebet.“

Aus all diesen Gründen läßt sich sagen, dass dieses Gebet für jeden, unabhängig davon, welche äußeren oder inneren Voraussetzungen gegeben sind oder in welchen Lebenssituationen er sich befindet, notwendig und von richtungsweisender Bedeutung sein kann. Mit der Anrufung bezeugt der Beter, dass er Gott als seinen Helfer und Heiland anerkennt und ständig neu seine Liebe benötigt, sowohl in harten und reuigen Zeiten als auch in Zeiten der Zufriedenheit und des Erfolgs. Aus Tiefen herausgezogen, in der rechten Mitte bewahrt zu bleiben und von ungesunden Höhen wieder auf den lebenswahrhaftigen Grund zurückgeführt zu werden, ist, da der Mensch von Natur aus schwach ist, sein Grundanliegen. Somit ist er in aller Begrenztheit alle Zeit auf die Hilfe und Barmherzig-keit Gottes angewiesen.

Peter Dyckhoff, Einübung in das Ruhegebet, München 2006